Träum weiter (VII) … Die Gesellschaft? Gibt es nicht!
Seit Beginn der Umweltbewegung taucht immer wieder die Frage auf, warum die Gesellschaft nicht in der Lage ist, rational zu handeln anstatt ihre Lebensgrundlagen wissentlich zu zerstören. Moralische Appelle laufen häufig ins Leere. Der Mensch scheint mehrheitlich egoistisch und unbelehrbar. Die Gegenseite wiederum sieht im Altruismus nur eine versteckte Form des Egoismus. Weitergekommen ist man damit bis heute nicht.
Die soziologische Systemtheorie hilft hier zu verstehen, warum es so schwierig ist. Schon seit Mitte der 70er Jahre beschrieb Niklas Luhmann die Grenzen der Kommunikation über Umweltzerstörung. Grundlegend ist hierfür der Blick der soziologischen Systemtheorie auf die Gesellschaft.
Aus Sicht der Systemtheorie ist die Gesellschaft nur ein Teilsystem neben anderen Systemen, wie Wirtschaft, Recht oder Politik. Die Gesellschaft als großes ganzes und einheitliches System gibt es nicht. Das große Ganze ist eben ein Nebeneinander verschiedener Funktionssysteme, die je ihre eigene Logik haben. Gesellschaft bzw. soziale Systeme bestehen aus Kommunikation, nicht aus Menschen. Das große Ganze ist die Summe aller Kommunikationen.
Das System der Wirtschaft hat als Kommunikationsmedium das Geld. Alles, was sich nicht als monetäre Größe darstellen lässt, wird vom System nicht berücksichtigt. Jede Kommunikation folgt der Logik „zahlen oder nicht zahlen“. Die Gesellschaft als System folgt der Logik der sozialen Anerkennung, d.h. ob etwas als moralisch akzeptabel gilt. Das Recht als System funktioniert nach der Logik, ob etwas recht oder unrecht (im Sinne von legal) ist, die Politik danach, ob man Macht hat oder nicht, um politische Entscheidungen treffen und durchsetzen zu können.
Alles, was nicht in die Logik eines Systems übersetzt werden kann, bleibt von diesem unberücksichtigt. Das erzeugt Widersprüche zwischen den Systemen. Z.B. zwischen dem System Wirtschaft und Moral, die grundlegendes Merkmal des Teilsystems Gesellschaft ist. So spielt die moralische Kategorie „Gerechtigkeit“ für das Funktionieren des Systems Wirtschaft keine Rolle, da Gerechtigkeit nicht monetär darstellbar ist, ja Gerechtigkeit eben nicht zu kaufen ist.
Die Umwelt selbst ist ein grundlegend anderes System als ein soziales System. Als Vorgang im biochemischen und physikalischen Systems müssen Umweltprobleme erst in Kommunikation übersetzt werden, um von sozialen Systemen bearbeitet werden zu können.
Man sieht dann auch, dass es ein langer Weg ist. Zunächst muss Umweltschädigung als Problem erkannt und kommuniziert werden. Hier spielt z.B. das System der Wissenschaft eine Rolle. Zudem muss es über das System Politik in Form von Gesetzen, die durch das System Recht bearbeitbar und sanktionierbar sind, für das System Wirtschaft kommunizierbar gemacht werden, d.h. sich in Form von zahlen/ nicht zahlen ausdrücken lassen.
Der CO2-Preis ist hierfür ein Beispiel. Die Wissenschaft macht CO2 als hauptsächliche Ursache für den Klimawandel aus und zeigt die Folgen der Erderwärmung. Dann wird es Gegenstand politischer Diskussion aber zunächst im Teilsystem Gesellschaft. Erst wenn, wie in einer Demokratie, der Machterhalt oder -zuwachs von der Bearbeitung des Problems abhängig gesehen wird, wird es innerhalb des Teilsystems Politik kommuniziert (nicht selten kann auch Prestigegewinn ein Grund sein). Dort wird es zu einem Gesetz und somit Bestandteil des Teilsystems Recht und zuletzt als monetäre Größe, nämlich dem Preis, im System Wirtschaft kommunizierbar.
Solange sich also Umweltprobleme oder Fragen der Gerechtigkeit sich nicht in die Kommunikationslogik der jeweiligen Systeme übersetzen lassen, können sie dort nicht bearbeitet werden. Da helfen auch alle moralischen Appelle oder gute Absichten nichts.
U-P4F-K
