Auf den Verzicht verzichten?

In Diskussionen um Klimaschutz wird häufiger auch über den Verzicht gesprochen. Verzicht auf den Verbrenner, oder gleich auf’s Auto, auf’s Fliegen, auf Fleisch, auf’s Wirtschaftswachstum usw.

Diese Verbindung macht den Klimaschutz nicht besonders populär. Zwar ist eine Mehrheit in Deutschland für Klimaschutz und sieht dessen Notwendigkeit, aber weniger als die Hälfte möchte dafür auf etwas verzichten. Niemand verzichtet gern auf etwas.

Frauke Rostalski z.B. hat dazu im Herbst letzten Jahres ein Buch „Wer soll was tun?“ veröffentlicht, in dem sie individuellen Klimaschutz für ineffektiv bis kontraproduktiv hält. Ihrer Meinung nach lasse sich der Klimaschutz nur durch internationale Politik erreichen. Der Untertitel des Buchs lautet: „Warum wir nicht zum Klimaschutz verpflichtet sind und worin unsere Verantwortung eigentlich besteht.“ Es passt also in diese Stimmung. Wir sollen endlich auf den Verzicht verzichten.

Es ist mal wieder eine Frage des Framings. Zum einen wird suggeriert, es gäbe eine Verpflichtung, sprich einen moralischen Zwang, z.B. vegan zu sein, und dies wiederum sei ein Verzicht, in diesem Fall darauf, Fleisch zu essen. Und schon ist das Ganze moralisch und negativ konnotiert.

Das Framing greift auf Grund der „kognitiven Dissonanz“. Man will kein „Klimasünder“ sein, aber klimaneutral zu leben ist höchst anspruchsvoll und mit Kosten verbunden. Daher entsteht eine Kluft zwischen dem grundsätzlichen Bekenntnis zum Klimaschutz sowie dem Wissen, was man eigentlich tun müsste, und den lieb gewonnenen Gewohnheiten sowie den individuellen Möglichkeiten. Die daraus entstehende Dissonanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit wird dann z.B. durch Verdrängung oder eben Umdeutung ausgeblendet. Das Framing gibt hierfür eine Möglichkeit und ist daher dann oft auch politisch wirksam, wenn es auf politischer Ebene darum geht, Klimaschutz nicht in dem Maße umzusetzen und die Kosten dafür zu tragen wie es notwendig wäre.

Vielleicht sollte man auf den „Verzicht“ als Framing verzichten. Warum nicht etwas, statt als Verzicht oder Ersatz, als Erweiterung, als Neues, Entdeckungswürdiges ansehen bzw. kommunizieren, z.B. vegane Ernährung nicht als Ersatz für tierische Produkte sehen, sondern den Reichtum der veganen Ernährung kennen und dann eventuell schätzen lernen (daher halte ich die Fokussierung auf vegane Ersatzprodukte für eher hinderlich). Das würde vielleicht dazu führen, dass man insgesamt zwar nicht komplett vegan isst, aber der Konsum tierischer Produkte insgesamt nachhaltiger zurückgeht, als wenn alle 100%ige Veganer werden sollen, was dann nur die allerwenigsten tun. Und so könnte es auch in anderen Bereichen sein. Mit der Rede vom Verzicht verzichten wir möglicherweise auf einen notwendigen individuellen Bewusstseinswandel.

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